Digitalisierung im Baugewerbe – eine Bestandsaufnahme

Bereits 2018 hat die Technische Universität Wien eine Studie zum Potenzial der Digitalisierung im Bauwesen veröffentlicht. Empfehlungen waren unter anderem die Förderung von Pilotprojekten, die zum Beispiel Augmented Reality einsetzen, und die Erarbeitung eines digitalen Gebäudeausweises. Heute, rund sieben Jahre später, wollen wir den Ist-Stand der „digitalen Bau-Wende“ hinterfragen. Wir stützen uns im Blogbeitrag zu diesem Thema auf mehrere wissenschaftliche Arbeiten.

Das Wichtigste zur Digitalisierung in Kürze

  • Viele KMU im Baugewerbe sehen digitale Innovationen derzeit kaum oder gar nicht als wichtig an, anders als Finanzdienstleister.
  • "Digital Beginners": Bauunternehmen werden mehrheitlich als digitale Anfänger eingestuft, denen oft eine strategische Roadmap und kompatible Lösungen fehlen.
  • Für erfolgreiche Digitalisierung sind eine langfristige Strategie, die Einbindung der Mitarbeiter und die Chefsache-Priorisierung notwendig.
  • Die kleinteilige, schwer automatisierbare Struktur von Bauprojekten erschwert die schnelle Einführung von Technologien.
  • Trotz Hürden sind bereits Tools wie cloudbasierte Verwaltung, KI, 3D-Druck, Building Information Modeling (BIM) und Robotik im Kommen.
  • Es wird kein massiver Jobschwund erwartet, aber eine Verschiebung: weniger Hilfsarbeiter/Büro, mehr Bedarf an Fachkräften und Spezialisten.

Ein wichtiges Forschungswerk zu diesem Thema ist die Grundlagenstudie „Digitaler Reifegrad in der Baubranche“ der Zukunftsagentur Bau vom April 2022. Einige Monate davor wurde die Untersuchung „Digitale Transformation der österreichischen Bauwirtschaft und Auswirkungen auf die Erwerbstätigen“ fertiggestellt. Ganz aktuell sind die Befunde des Wirtschaftsprüfer-Netzwerks EY, das (branchenübergreifend) über 600 mittelständische Unternehmen in Österreich befragt hat.

Digitalisierung Baugewerbe: Darstellung der Integration von Augmented Reality (AR) in der Bauindustrie © Gorodenkoff / stock.adobe.com

Digitale Innovationen nicht im Fokus

Die EY-Untersuchung zeigt deutlich, dass sich mit dem neuen Fokus der Weltwirtschaft auch die Prioritäten kleiner und mittlerer Unternehmen verschoben haben. Corona hat das Interesse an neuen Technologien deutlich erhöht, nun fehlen durch die Teuerungen allerdings die finanziellen Ressourcen, um die Digitalisierung in der Baubranche umzusetzen. Außerdem ist der Personalmangel im KMU-Segment deutlicher spürbar als bei den Big Playern. Immerhin spielen digitale Innovationen bei Finanz- und anderen Dienstleistern eine „sehr große“ (43 Prozent) beziehungsweise „mittelgroße Rolle“ (36 Prozent). Ganz anders das Bild im Baugewerbe: Hier sind neue Tools nur für 17 Prozent der Befragten von großer Betreuung – 50 Prozent räumen der Digitalisierung hier dagegen kaum oder gar keine Rolle ein.

Bauunternehmen sind digitale "Beginner"

Die aktuelle Lage entspricht dieser recht offenen Selbsteinschätzung. An der ZAB-Forschung nahmen 37 Betriebe mit 420 Personen teil. Alle können aufgrund der Umfrage und Workshop-Ergebnisse als „Digital Beginners“ bzw. angehende „Digital Followers“ eingestuft werden. Das sind in der Studie die untersten beiden Stufen bei der Beschreibung des digitalen Reifegrads. Sie implizieren, dass meist kein digitaler Fahrplan vorhanden ist, bestehende digitale Lösungen oft nicht kompatibel sind und Schulungen nur vereinzelt und auf bestimmte Tools bezogen durchgeführt werden.

Dementsprechend fallen die Empfehlungen von Projektleiter Dr. Erich Kremsmair aus. Der Leiter des Lehrgangs MBA-Bauwirtschaft an der Donau-Universität Krems schlägt insbesondere die Entwicklung einer langfristigen Digitalisierungsstrategie in den Betrieben unter Einbindung der Mitarbeitenden vor. Denn Digitalisierung findet nur statt, wenn Beschäftigte auch bereit sind, die ihnen zur Verfügung gestellten Tools auch zu nutzen – dazu gehört auch ein umfassender Aus- und Weiterbildungsplan.

Außerdem betont der Wissenschaftler: Digitalisierung ist Chefsache! Zusätzlich sollte es einen Digitalisierungsexperten im Unternehmen geben, der Trends und Innovationen im Überblick behält. Es wird zudem ein Erfahrungs- und Wissensaustausch innerhalb der Branche empfohlen, um die Digitalisierung in der Bauwirtschaft gezielt vorantreiben zu können.

Warum Digitalisierung in der Baubranche noch scheitert

Es gibt allerdings Hürden, wie Dr. Hubert Eichmann, Autor der Studie „Digitale Transformation der österreichischen Bauwirtschaft und Auswirkungen auf die Erwerbstätigen“ hervorstreicht. Bauprojekte sind kleinteilig strukturiert und schwer automatisierbar. Während zum Beispiel bei der klassischen Fließbandfertigung immer wieder gleiche Tätigkeiten ausgeführt werden, die dementsprechend gut standardisiert werden können, ist jede Baustelle anders.

Eichmann geht zwar davon aus, dass vorhandene Technologien wie Robotik, Künstliche Intelligenz oder 3D-Druck verstärkt in der Branche Einzug halten werden, allerdings nicht von heute auf morgen. Und weil menschliche Fantasie, Improvisationsfähigkeit und Problemlösungskompetenz am Bau immer gefragt sein werden, ist auch nicht von einem massiven Jobschwund auszugehen. Der Untersuchungsleiter schätzt, dass Hilfsarbeiter- und Bürojobs weniger werden, während es für Fachkräfte und hoch qualifizierte Spezialisten wie Bauingenieure sogar mehr zu tun geben wird. Dieser Befund stützt sich nicht zuletzt darauf, dass die Bauwirtschaft zu den großen Gewinnern der Klimawende zählen wird: mit thermischen Sanierungsaufträgen, Photovoltaik-Ausbau und Energieeffizienz-Projekten.

Fazit: Heute für Morgen vorbauen

Trotzdem, und das ist unser Fazit, lässt sich die Digitalisierung nicht komplett vom Tisch wischen. Hilfe bei den nächsten Schritten bietet zum Beispiel die im Vorjahr gegründete Initiative „Mach heute Morgen möglich“. Zahlreiche Experten und Unternehmen – vom Start-up bis zum Großkonzern – wollen Österreich zum Digitalisierungsvorreiter machen.

Doch auch DOCUmedia als wichtigster Informationsdienstleister der heimischen Baubranche leistet seinen Beitrag. Unsere Kunden profitieren vom Online-Vertriebstool Xplorer. Hier sind öffentliche Ausschreibungen und gewerbliche Hochbauprojekte übersichtlich zusammengestellt. Dank einer praktischen Filterfunktionen gilt das Motto „Suchen und finden“ – die mühsame Eigenrecherche gehört der Vergangenheit an. Ein klassisches Beispiel für Routinetätigkeiten, die in der digitalen Welt keinen Platz mehr haben.


Abschließender Hinweis

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