ÖNORM

Die ÖNORM ist eine Sammlung von technischen Standards in Österreich, die von dem Institut Austrian Standards International herausgegeben werden. Diese Normen sind grundsätzlich freiwillige Richtlinien. Lediglich im Rahmen von Verträgen oder gesetzlichen und technischen Vorschriften können Normen verbindliche Anforderungen sein. Sie spielen eine wichtige Rolle im Bauwesen, in der Fertigung, bei technischen Dienstleistungen und in vielen anderen Sektoren.

Definition: Was ist eine ÖNORM?

Eine ÖNORM ist ein in Österreich gültiger technischer Standard, der von dem Institut Austrian Standards International (ASI) erstellt und verwaltet wird. Diese Normen definieren Anforderungen, Spezifikationen, Richtlinien und Verfahrensweisen für Produkte, Dienstleistungen, Prozesse und Testmethoden über verschiedene Branchen hinweg, die im Idealfall in allen Bezirken Österreichs, sei es Amstetten oder Baden, genutzt werden. Ziel ist es, Qualität, Sicherheit, Interoperabilität und Effizienz zu fördern. Sie können vertraglich oder durch gesetzliche Regelungen zur Anwendung verpflichtend gemacht werden und sind ein wesentlicher Bestandteil zur Sicherstellung von Standards im Geschäftsverkehr und in der Technik.

Man unterscheidet:

  1. „Rein österreichische Normen“, die in Österreich erarbeitet wurden.
  2. „Übernommene Normen“, die ursprünglich von einer europäischen, internationalen oder anderen ausländischen Normungsorganisation erarbeitet und von Austrian Standards übernommen wurde.

Vorteile von ÖNORMEN

ÖNORMEN haben einige wesentliche Vorteile:

  1. Qualitätssicherung: Sie gewährleisten, dass Produkte und Dienstleistungen bestimmten Qualitätsstandards entsprechen.
  2. Sicherheit: Durch die Festlegung von Sicherheitsstandards schützen sie Verbraucher und Nutzer.
  3. Effizienz: Sie helfen, Arbeitsabläufe zu standardisieren und somit Effizienz in Herstellungsprozessen und Dienstleistungserbringungen zu steigern.
  4. Interoperabilität: ÖNORMEN ermöglichen die Kompatibilität von Produkten und Systemen unterschiedlicher Hersteller.
  5. Rechtliche Klarheit: ÖNORMEN können in Verträgen und rechtlichen Vorgaben verwendet werden, um eindeutige und anerkannte technische Spezifikationen anzugeben.
  6. Internationaler Handel: Normen erleichtern den internationalen Handel durch Harmonisierung von Standards und Verringerung technischer Handelshemmnisse.

Wie viele ÖNORMEN gibt es?

Im Jahr 2020 verwaltete das ASI 22.678 ÖNORMEN. Im Jahr 2013 waren es noch 24.703. Davon sind nur 6,72% rein österreichische Normen. Bei rund 85% der Normen handelt es sich um Europäische Standards, die übernommen werden müssen. Gleichzeitig werden ÖNORMEN, die diesen europäischen Standards widersprechen, zurückgezogen.

Historie der Austrian Standards International

Am 23.09.1920 wurde der Österreichische Normenausschuss für Industrie und Gewerbe (Ö.N.I.G) gegründet, der sich zunächst auf Maschinenbau, Elektrotechnik und Kraftfahrzeugbau fokussierte. Ein Jahr später veröffentlichte der Ausschuss seine erste Norm über metrische Gewinde. 1932 wurde die Organisation in ÖNA (Österreichischer Normenausschuss) umbenannt und erweiterte ihre Publikationen auf 40 bis 60 Normen jährlich.

Mit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich 1938 wurde der ÖNA eine Zweigstelle des DIN, doch schon 1945 nahm er seine Tätigkeit wieder auf und war 1946 Mitbegründer der ISO. 1954 erhielt der ÖNA durch ein Bundesgesetz eine gesetzliche Verankerung und änderte seinen Namen zu ON (Österreichisches Normungsinstitut). 1961 beteiligte sich das Institut an der Gründung des CEN. 1991 wurde in Wien das Vienna Agreement zwischen ISO und CEN unterzeichnet, um Überschneidungen zu vermeiden. In der Folge wurden zunehmend europäische und internationale Standards übernommen. Ab 1998 begann man zusätzlich, die flexibleren ON-Regeln zu erstellen.

2008 und 2018 gründete das Institut zwei Tochtergesellschaften zur Förderung von Vertrieb und Service. Seit 2009 firmiert das Institut unter dem englischen Namen „Austrian Standards Institute“, 2018 geändert in „Austrian Standards International – Standardisation und Innovation“.

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ÖNORM – der Entstehungsprozess

Normen entstehen aus der Praxis heraus. Zu Beginn steht eine Innovation, z.B. ein Produkt, welches einer Standardisierung bedarf. Eine Norm kann grundsätzlich von jeder Person initiiert oder beantragt werden. Meistens erfolgt der Antrag jedoch durch Verbände oder Unternehmen. Bei der Normentwicklung wirken Organisationen, Unternehmen, Interessensverbände und Wirtschaftszweige mit, die diese Standardisierung benötigen.

Schritt 1: Projektantrag stellen und prüfen lassen

Ein Projektantrag kann per Online-Formular auf der Website des Austrian Standards International gestellt werden. Gibt es zu dem Themenbereich bereits ein Komitee, prüft dieses gemeinsam mit dem Antragssteller den Projektantrag für die Neuentwicklung oder Überarbeitung einer ÖNORM.

Es wird geprüft, ob

  1. auf europäischer Ebene bereits ähnliche Normungsarbeiten bestehen. Sollte dies der Fall sein, wird im Sinne der Stillhaltepflicht von einer nationalen Normung abgesehen.
  2. alle relevanten Gesetze, Patente, Markenrechte sowie internationale und ausländische Normen berücksichtigt werden, die für das Thema von Bedeutung sein könnten.

Die Öffentlichkeit hat nun vier Wochen lang die Möglichkeit, Stellung zum Projektantrag zu beziehen. Nach Auswertung der vorangegangenen Überprüfung und der eingegangenen Stellungnahmen trifft das zuständige Komitee eine Entscheidung darüber, ob der Projektvorschlag in das Arbeitsprogramm aufgenommen wird.

Schritt 2: Öffentliche Bekanntmachung

Wenn das Komitee einen Vorschlag für die Entwicklung einer nationalen ÖNORM akzeptiert, wird dies öffentlich bekannt gemacht und interessierte Personen werden eingeladen, am Normungsprojekt teilzunehmen. Der Vorschlag wird dann anderen nationalen Normungsinstituten (CEN) mitgeteilt. Die Erarbeitung des Norm-Vorschlags erfolgt nach einem festgelegten Zeitplan und unter der Leitung eines Komitee-Managers von Austrian Standards International. Nach Fertigstellung prüft das Komitee, ob der Entwurf für öffentliche Stellungnahmen freigegeben werden kann. Der Öffentlichkeit steht dann eine sechswöchige Frist zur Verfügung, um Stellung zum Entwurf zu nehmen. Die Einreichung von Stellungnahmen ist über das Normen-Entwurf-Portal möglich.

Schritt 3: Prüfung der Stellungnahmen

Die eingegangenen Rückmeldungen werden vom Komitee geprüft, wobei die Teilnahme der Kommentierenden angestrebt wird. Diese Stellungnahmen werden entweder angenommen oder mit sachlichen Begründungen abgelehnt.

Abhängig von den notwendigen Änderungen aufgrund der Stellungnahmen, entscheidet das Komitee, ob:

  • der Entwurf als endgültige ÖNORM herausgegeben wird,
  • der Entwurf überarbeitet und als "2. ÖNORM-Entwurf" erneut zur Kommentierung vorgelegt werden soll, oder
  • das Projekt nicht weiterverfolgt und aus dem Arbeitsprogramm entfernt wird.

Schritt 4: Der Normenentwurf wird herausgegeben

Nach dem Stellungnahmeverfahren wird der Normenentwurf unter Erfüllung folgender Grundprinzipien als ÖNORM herausgegeben:

  1. Konsens: In Österreich werden ÖNORMEN vom zuständigen Komitee nur einstimmig verabschiedet. Konsens besteht, wenn eine allgemeine Zustimmung vorliegt, keine Widersprüche gegen wesentliche Inhalte des Dokuments bestehen und alle Gegenargumente ausgeräumt wurden.
  2. Publizität: Vor der Veröffentlichung muss die Öffentlichkeit die Möglichkeit haben, zu dem Normungsdokument Stellung zu beziehen. Berechtigte Einwände müssen vom Normungskomitee berücksichtigt werden.
  3. Widerspruchsfreiheit: Es ist auf Widerspruchsfreiheit und Einheitlichkeit des Normenwerks auf nationaler und europäischer Ebene zu achten.

Schritt 5: Regelmäßige Überprüfung

In einem Turnus von mindestens drei Jahren werden Normeninhalte von den zuständigen Komitees auf Gültigkeit überprüft. Eine Überarbeitung kann auch von Privatpersonen veranlasst werden.

Die ON-Regel

Für dringende Anforderungen von Unternehmen oder Organisationen sowie zur Dokumentation schnell fortschreitender Entwicklungen stellt Austrian Standards International mit den ON-Regeln (ONR) eine Lösung bereit. Diese normativen Dokumente sind schnell verfügbar und müssen nicht alle Kriterien einer vollständigen Norm erfüllen. Sie dienen auch als Vorstufe für die formelle Normung zu einem späteren Zeitpunkt.

Die Erstellung einer ON-Regel

Die Erstellung einer ON-Regel (ONR) kann auf zwei Arten initiiert werden:

  1. Austrian Standards International prüft einen eingereichten, ausgearbeiteten Vorschlag.
  2. Unternehmen, Organisationen oder Interessensverbände beauftragen Austrian Standards International mit der Projektbetreuung für eine ONR.

Die Projektbetreuung beinhaltet die Organisation von Meetings und fachliche Unterstützung, einschließlich der Bewertung der Thematik bezüglich bestehender österreichischer, europäischer und internationaler Normen sowie Gesetze. Die Einreichung eines Projektantrags erfolgt per Online-Formular.

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ÖNORM – der Aufbau

Die ÖNORM besteht aus mehreren Teilen. Die Gliederungen rein österreichischer ÖNORMEN werden mit einem Buchstaben bezeichnet. So steht z.B. das A für Allgemeine Normen, das B für Bauwesen, das D für Dienstleistungen etc.

Daran angehängt wird eine vierstellige Normennummer (z.B. ÖNORM M 6230). Mehrteilige Normen werden mit einer weiteren angehängten Nummer unterschieden (z.B. ÖNORM B 3800-1). Das Ausgabejahr oder -datum wird nach einem Doppelpunkt angefügt (z.B. ÖNORM M 6230:2018), z.B.: ÖNORM B 2110:2013 – Allgemeine Vertragsbestimmungen für Bauleistungen – Werkvertragsnorm

Wird eine europäische Norm übernommen, besteht diese aus der nationalen Normenbezeichnung ÖNORM, der europäischen Bezeichnung EN sowie aus einer ein- bis fünfstelligen Nummer (ÖNORM EN), z.B.: ÖNORM EN 349:2008 – Sicherheit von Maschinen – Mindestabstände zur Vermeidung des Quetschens von Körperteilen

Aus der Kooperation des Europäischen Komitees für Normung (CEN) und der Internationalen Organisation für Normung (ISO) entstehen unter dem Vienna Agreement (Wiener Vereinbarung) Europäische Normen mit der Bezeichnung ÖNORM EN ISO, z.B.: ÖNORM EN ISO 9001:2015 – Qualitätsmanagementsysteme – Anforderungen (ISO 9001:2015)

ÖNORM, EN und ISO - Abgrenzung

ÖNORM, EN und ISO sind allesamt Normungssysteme, die technische und qualitative Anforderungen für Produkte, Dienstleistungen und Systeme festlegen:

ÖNORM: Die österreichische Norm, die von Austrian Standards International (ASI) herausgegeben wird. ÖNORMEN gelten spezifisch für Österreich und werden oft für lokale Marktbedürfnisse oder Vorschriften entwickelt.

EN (Europäische Norm): EN werden von einem der drei europäischen Normungsgremien, CEN, CENELEC oder ETSI, herausgegeben. Sie sollen die Harmonisierung technischer Standards innerhalb des Europäischen Wirtschaftsraums erleichtern. EN-Normen werden in allen Mitgliedsländern übernommen und ersetzen die jeweiligen nationalen Normen.

ISO (Internationale Organisation für Normung): ISO-Normen sind international anerkannte Standards, die von der Internationalen Organisation für Normung entwickelt wurden. Sie gelten weltweit und werden entwickelt, um den internationalen Handel zu erleichtern und Kompatibilität sowie Sicherheit zu gewährleisten.

ÖNORM-EN-ISO Kombinationen

Die Kombination von ÖNORM, EN und ISO in einer Bezeichnung weist darauf hin, dass eine Norm mehreren Standards entspricht und daher auf verschiedenen Ebenen – national, europäisch und international – anerkannt ist. Solche Kombinationen entstehen, wenn ein internationaler Standard (ISO) von europäischen Ländern (EN) angenommen wird und gleichzeitig in das nationale Normungssystem eines Landes, wie Österreich (ÖNORM), integriert wird.

Anwendungsbereiche von ÖNORMEN

ÖNORMEN findet man in nahezu jeder Branche. So auch im Feuerlösch- und Rettungswesen, im Bereich Nahrungsmittel oder in Krankenhauseinrichtungen und im Gesundheitswesen. Für den Arbeitsschutz sorgen Normen aus der Normengruppe Arbeitssicherheitstechnik.

ÖNORMEN im Bau

Die Normengruppe B bezeichnet die Normen, die das Bauwesen betreffen. Zu den wichtigsten ÖNORMEN für die Baubranche zählen:

  • ÖNORM EN 1717: Allgemeine Anforderungen zum Schutz des Trinkwassers vor Verunreinigungen
  • ÖNORM B 1300: Grundlagen und Checklisten für die Objektsicherheitsprüfung von Wohngebäuden
  • ÖNORM B 1600: Planungsgrundlagen für barrierefreies Bauen
  • ÖNORM B 2110: Allgemeine Vertragsbedingungen für Bauleistungen
  • ÖNORM B 2111: Allgemeine Vertragsbedingungen für Bauleistungen im Hochbau
  • ÖNORM B 2120: Mindesterfordernisse für einen Bauträgervertrag
  • ÖNORM B 4000: Bautechnik
  • ÖNORM B 5335: Einbau und Montage von Türen
  • ÖNORM B 5350: Maße und Anforderungen für Türschlösser
  • ÖNORM B 6410: Verarbeitung von Außenwand-Wärmedämm-Verbundsysteme (WDVS)

Sind ÖNORMEN verpflichtend?

Die Anwendung von ÖNORMEN ist grundsätzlich freiwillig. Eine Verpflichtung zur Einhaltung besteht nur bei jenen Standards, die durch Gesetze, Verordnungen oder behördliche Entscheidungen verbindlich gemacht wurden. Bindend werden Normen, sobald sie Bestandteil von Vertragsvereinbarungen sind. Sie etablieren klare und anerkannte technische Regeln, die sowohl auf nationaler Ebene als auch innerhalb der Europäischen Union und weltweit für rechtliche Klarheit sorgen. Indem europäische Standards EU-Richtlinien konkretisieren, spielen sie eine wesentliche Rolle bei der Förderung des europäischen Binnenmarktes.

ÖNORMEN einsehen

Gemäß § 8 (3) NORMG 2016 muss jede Normungsorganisation eine Datenbank führen, in der alle nationalen sowie durch österreichische Gesetze oder Verordnungen als verbindlich erklärten Normen aufgeführt werden. Diese Datenbank ist stets auf dem aktuellen Stand zu halten und über das Internet kostenlos zugänglich zu machen (§ 8 (5) NORMG 2016).

Die Datenbank ist über die Website des ASI abrufbar. Das ASI bietet darüber hinaus die Möglichkeit, in ihrem Webshop nach ÖNORMEN zu recherchieren und sich über die jeweiligen Anwendungsbereiche zu informieren.

Unter der Adresse Heinestraße 38, 1020 Wien bei Austrian Standards können Interessierte zudem vor Ort Einsicht in alle ÖNORMEN nehmen. Diese Möglichkeit besteht auch in den einzelnen Bundesländern wie Kärnten oder Niederösterreich bei entsprechenden Informationsstellen.

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