Die Bauwirtschaft in Österreich: Führt ein Weg aus der Rezession?
Gesunkene Bauinvestitionen, ausbleibende Aufträge – Österreich steckt seit 2022 in einem regelrechten Bautief. Selbst mit der auslaufenden KIM-Verordnung und sinkenden Zinsen können Hausbauer sich Bauprojekte weiterhin nicht leisten. Was wird für die Bauwirtschaft Österreichs im Jahr 2026 erwartet?
Alles Wichtige zur Bauwirtschaft in Österreich
- Seit 2020 leidet die Bauwirtschaft unter steigenden Preisen, Lieferengpässen und Inflationsrate.
- Es gab bis 2022 einen erheblichen Rückgang im Hochbau, vor allem wegen drastisch steigenden Baukosten und Zinserhöhungen.
- Auch in 2025 befindet sich Österreich in einer Rezession: Die Bauleistung sinkt um 0,5 Prozent.
- Einsparungen im Doppelhaushalt 2025 und 2026 könnten den Tiefbau und die Auftragslage weiterhin schwächen.
- Baukonjunktur soll im Jahr 2026 um 1,6 Prozent ansteigen: Wohnbau soll expandieren, während Tiefbau in Österreich zurückgehen soll.
Lange Zeit herrschte in der Bauwirtschaft in Österreich eine Niedrigzinsphase, die zu einem regelrechten Bauboom geführt hat. Ein leeres Auftragsbuch war für die Bauunternehmen ein Fremdwort – viele Auftraggeber mussten sogar Wartezeit mit einplanen. Doch das sieht nun anders aus. Seit einigen Jahren steckt die österreichische Baubranche in einer Krise, Experten sprechen sogar von einer Rezession. Bereits durch die Pandemie sind viele Unternehmen in Verzug bei der Lieferung und Zahlung gerutscht, da es zu Materialengpässen und beachtlichen Preissteigerungen gekommen ist. Durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine wurden die Baukosten 2022 zusätzlich in die Höhe getrieben; Investitionen sowie die Bauproduktion sind stark gesunken.
Ist allmählich mit einer Erholung der Bauwirtschaft in Österreich zu rechnen? Wir zeigen Ihnen, wie sich die Bauwirtschaft bisher entwickelt hat, und beleuchten den aktuellen Stand und zukünftige Prognosen!
Inhaltsverzeichnis
- Entwicklung der Baubranche bis 2024: Wie kam es zur Baukrise?
- Prognosen der Baukonjunktur bis 2023 bestätigten sich
- Welche Faktoren beeinflussten die Baukrise in Österreich?
- Bauwirtschaft Prognosen für 2025: Wie sieht die aktuelle Lage aus?
- Wie sieht die Prognose in der Bauwirtschaft 2026 für Österreich aus?
- Fazit: Wie kann der Staat die Bauwirtschaft in Österreich unterstützen?
Entwicklung der Baubranche bis 2024: Wie kam es zur Baukrise?
Unternehmen in Österreich konnten sich eine Zeit lang vor Aufträgen kaum retten. Seit 2015 hat die Nullzinsphase für extrem günstige Finanzierungen und eine dementsprechend hohe Nachfrage an Häusern und Wohnungen gesorgt. Doch mit Beginn der Corona-Pandemie 2020 kam es zu den ersten Ausfällen aufgrund von Liefer- und Materialengpässen und drastischen Preissteigerungen der Baustoffe. In diesem und dem darauffolgenden Jahr konnten Bauunternehmen allerdings zu großen Teilen noch von den gefüllten Auftragsbüchern der Vorjahre profitieren.
Entwicklung der Bauwirtschaft in Österreich seit 2020
2020 und 2021 wurden noch 66.982 beziehungsweise 70.384 Wohnungen fertiggestellt. Und auch 2022 lag die Zahl der Fertigstellungen bei 72.245 neuen Wohnungen, was jedoch vor allem auf den Boom an Neugenehmigungen von 2019 zurückzuführen ist. Im Vergleich dazu: In demselben Jahr wurden nur etwa 66.485 neu bewilligt. Eine solche Diskrepanz zwischen den neu bewilligten und fertiggestellten Wohnungen gab es zuletzt 2007 im Rahmen der Weltfinanzkrise.
Bereits seit 2020 konnte ein anfänglicher Rückgang im Wohnungsbau beobachtet werden. Die reale Bauproduktion sank in diesem Jahr um insgesamt 3,4 Prozent. 2021 konnte dieser Rückgang zu großen Teilen wieder abgefangen und ein Zuwachs der Bauproduktion erzielt werden, was auch mit der zunehmenden Nachfrage nach Sanierungen zusammenhing.
Doch der Russland-Ukraine-Krieg in 2022 hat erneut für einen Einbruch in der Bauwirtschaft gesorgt. Im Jahr 2022 lag die Bauproduktion in Österreich bei nur 0,2 Prozent. Basierend auf den Ergebnissen des Euroconstruct Forschungsverbundes war das durchschnittliche Niveau der Bauproduktion von insgesamt 19 untersuchten Staaten mit 3 Prozent deutlich höher. Während zu Beginn des Jahres noch zahlreiche Bauvorhaben genehmigt und fertiggestellt werden konnten, zeigte sich zum Ende 2022 ein erheblicher Rückgang im Hochbau. Hintergrund waren die drastisch steigenden Baukosten und der damit verbundene Wirtschaftseinbruch in Europa. Hinzu kommen die Zinserhöhungen bei Neubauprojekten, durch die eine Finanzierung durch Kredit für Bauherren beinahe unmöglich wurde. Auch die Tiefbau- und Sanierungsmaßnahmen konnten dem nur mäßig entgegenwirken.
In 2023 hat sich der Abwärtstrend der Baubranche weiter fortgesetzt. Die zunehmende Inflationsrate, ebenso wie der anhaltende Zinsanstieg und die strengen Kreditvergaberichtlinien haben die Situation in der Bauwirtschaft 2023 verschlechtert. Dadurch kam es immer häufiger zu Baustopps und Insolvenzen, da die Materialkosten nicht mehr getragen und Zahlungen sowie Lieferungen nicht fristgerecht erbracht werden konnten. Bis September 2023 meldeten insgesamt 667 Bauunternehmen Insolvenz an. Das sind etwa 16 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Die Bauindustrie machte somit 17 Prozent aller Firmenpleiten in Österreich aus und galt als Haupttreiber für die negative Wirtschaftsentwicklung beziehungsweise Insolvenzdynamik. Monatelang haben Unternehmen keine neuen Aufträge erhalten, da zahlreiche Neubauvorhaben verschoben wurden. Besonders betroffen waren kleine und mittelständische Unternehmen (KMU), da diese nur wenig Chancen hatten, die Preise mit großen Auftraggebern zu verhandeln und gleichzeitig den regelmäßigen Lohn- und Lieferzahlungen nachkommen müssen. Dadurch rutschen viele Betriebe in Zinslasten und Liquiditätsprobleme.
Prognosen der Baukonjunktur bis 2023 bestätigten sich
Die Wirtschaftliche Forschungsgesellschaft (WIFO) und das Institut für Höhere Studien (IHS) veröffentlichen regelmäßige Prognosen, in denen die gesamtwirtschaftlichen Wachstumserwartungen des Jahres erklärt werden. Für 2023 mussten diese deutlich gesenkt werden.
Während im Juni 2022 noch eine Steigerung von 0,3 Prozent (WIFO) und 0,5 Prozent (IHS) erwartet wurde, lag die Prognose zum Ende des Jahres bei –0,8 Prozent (WIFO) und –0,4 Prozent (IHS). Die erwartete Rezession der Experten konnte 2023 auch bestätigt werden. In zahlreichen Bereichen wie der Auftragslage, den Umsatzerwartungen und dem Wirtschaftsklima zeigten sich negative Salden, wodurch die Unsicherheit im Baugewerbe immer weiter ansteigt. Auch der Handel und Industrie- beziehungsweise Dienstleistungssektor waren betroffen, lediglich in der Finanzbranche sowie in der Gastronomie konnte noch ein Zuwachs beobachtet werden. Darüber hinaus hatte die Krise in der Bauwirtschaft auch Auswirkungen auf die Beschäftigung in Österreich. 2023 ist die Arbeitslosenquote im Bausektor um ganze 8,6 Prozent gestiegen. Auch wenn Lohn- und Baukosten leicht sanken, zeigte sich noch kein entsprechender Rückgang in den Baupreisen. Das versetzte viele Unternehmen in eine Notlage.
Besonders im Wohnbau und anderen Bereichen des Hochbaus verschärfte sich die Lage. 2024 konnte ein Rückgang in der realen Wertschöpfung um 3,5 Prozent beobachtet werden. Vergleichsweise belief sich der Rückgang 2021 auf nur 1 Prozent, 2022 auf 1,2 Prozent und 2023 auf 1,5 Prozent – man kann nun also von einem regelrechten Wertschöpfungseinbruch sprechen. Darüber hinaus führte die Rezession in Österreich auch zu einem sinkenden Anteil der Bauindustrie an der gesamtwirtschaftlichen Bruttowertschöpfung. Während der Anteil 2021 bei etwa 5,6 Prozent lag, sollte er bis 2025 etwa um 0,5 Prozentpunkte, auf 5,1 Prozent sinken. Dazu kommt, dass die Bauinvestitionen in diesem Jahr bereits um 4 Prozent sanken. Die Bauindustrie konnte sich derzeit lediglich durch öffentliche Aufträge im Tiefbau sowie im Baunebengewerbe weiter durchschlagen.
Welche Faktoren beeinflussten die Baukrise in Österreich?
Die Gründe für den Einbruch in der Bauwirtschaft liegen nahe. Seit 2022 stieg die Inflationsrate durch den Ukraine-Krieg enorm an und trieb zahlreiche Materialkosten in die Höhe. Besonders die Preise für Energie und Rohstoffe wurden für Privatleute und Unternehmen unbezahlbar. Hinzu kamen die gestiegenen Arbeits- und Lohnkosten für Unternehmen, welche an die Endkunden weitergegeben werden mussten und Produkte und Dienstleistung erheblich verteuerten.
Darüber hinaus entstanden durch den Wirtschaftseinbruch immer häufiger Lieferkettenprobleme oder Baustoffmangel, was sich auf das Vertrauen der Konsumenten negativ auswirkte. Die Finanzierungsmöglichkeiten wurden durch den hohen Zinssatz drastisch erschwert und ließen die Nachfrage nach neuen Wohnbauprojekten dementsprechend sinken. Die Unternehmen hatten auf der anderen Seite weniger finanziellen Spielraum und mussten mit dem anhaltenden Fachkräftemangel kämpfen. Viele Handwerker klagten über schlechte Bedingungen auf Baustellen und unangemessene Bezahlungen, an denen die Führungskräfte unter diesen Umständen jedoch nur schwer etwas ändern können - was allerdings auch die Arbeitslosigkeit im Bau förderte.
Strenge Kreditvergabe als Nachfragebremse in der Bauindustrie
Mit der KIM-Verordnung wurden die Regelungen für die Vergabe von Krediten 2022 drastisch verschärft. So lag der Eigenmittelanteil für Neukredite bei 20 Prozent und die Laufzeit bei maximal 35 Jahren. Zudem durfte die Rückzahlungsrate der Kreditnehmer nicht mehr als 40 Prozent des Nettohaushaltseinkommens betragen. Ursprünglich sollten Banken dadurch vor Zahlungsausfällen geschützt und Schuldenspiralen vermieden werden. Auch wenn die KIM-Verordnung im Juni 2025 ausgelaufen ist, ist die Nachfrage nach Wohnbaukrediten seit 2022 bereits um 70 Prozent gesunken. Die Entwicklung wurde durch den hohen Leitzins verstärkt. Zwischenzeitlich lag er bei 4,25 Prozent, nachdem er 2021 noch rund 1,18 Prozent betrug. Viele Bauherren haben ihre Projekte mit der Hoffnung verschoben, dass Finanzierungskosten zukünftig sinken werden – das sorgte auch für leere Auftragsbücher. Mittlerweile wurde der Leitzins auf 2,0 Prozent herabgesenkt, was die Finanzierungskosten etwas entlasten sollte.
Mehr zur Wohnbaukrise, den Gründen und aktuellen Maßnahmen erfahren Sie in unserem Artikel „Wohnbaukrise in Österreich: Wie entwickelt sich der Markt 2025?“!
Bauwirtschaft Prognosen für 2025: Wie sieht die aktuelle Lage aus?
Auch in 2025 befindet sich Österreich weiterhin in einer Rezession. Bisher lautet die Prognose eine Entwicklung von minus 0,5 Prozent der Bauleistung im Jahr 2025 – insgesamt ist dies allerdings eine Besserung der Gesamtlage im Vergleich zu vorherigen Jahren. Noch sind Auswertungen für das gesamte Jahr nicht vorhanden, doch laut Prognosen soll sich der Bau von Wohneinheiten zur zweiten Hälfte des Jahres stabilisieren: Zwar werden Investitionen in Wohnbau dieses Jahr voraussichtlich weiterhin um 1,6 Prozent sinken, aber bereits im ersten Quartal stiegen sie leicht um 0,4 Prozent an. Auch Auftragsbestände gingen seitdem hoch: Im zweiten Quartal verzeichneten Betriebe einen Auftragsbestand von 15,5 Wochen, was einen Anstieg um 0,4 Wochen im Vergleich zum Vorjahresquartal bedeutet.
Sorgen bereitet währenddessen der Doppelhaushalt 2025 und 2026: Einsparungen könnten den Tiefbau und die Auftragslage hier schwächen. Denn allein im Bahnausbau bis 2030 wurden 400 Millionen Euro gegenüber dem ursprünglichen Plan gekürzt.
Wie sieht die Prognose in der Bauwirtschaft 2026 für Österreich aus?
Auf Basis der vergangenen Entwicklungen und den Erwartungen der WIFO wurden Prognosen für die Bauwirtschaft bis 2027 getroffen. Experten nehmen an, dass nach der langen Tiefphase im Bauwesen vorsichtig optimistisch in die Zukunft geblickt werden kann. 2026 soll die Baukonjunktur, laut WKO, um 1,6 Prozent ansteigen.
Während der Wohnbau ab 2026 leicht expandieren soll (0,6 Prozent), wird im Tiefbau wiederum mit einem europaweiten realen Wachstum von rund 2,0 Prozent gerechnet – in Österreich allein kann allerdings mit einem leichten Rückgang gerechnet werden. Auch andere Sparten des Hochbaus, wie Geschäfts- oder Gesundheitsbau, sollen für mehr Impulse sorgen.
Der Wohnungsbau wird sich nach Einschätzungen vorerst nicht bedeutend erhöhen. Die reduzierte Bautätigkeit der letzten Jahre wirkt sich besonders auf den Wohnbestand aus. Zwar sind 2025 erstmals wieder mehr Wohnbauprojekte bewilligt worden, allerdings sind diese noch in den Startlöchern. Deswegen werden fertiggestellte Wohnungen 2026 erneut zurückgehen und einen Tiefpunkt erreichen. Für mehr Stabilität sollen Wohn- und Baupaket der Regierung sorgen sowie Lockerungen der Kreditvergabe.
Lichtblicke geben währenddessen die Renovierungsvorhaben zur Dämmung oder Heizung bestehender Gebäude, die den Umwelteffizienzzielen in Österreich entsprechen. Aber auch die Erweiterung von Bestandsbauten durch Zu- und Umbauten kann in Zukunft für neue Aufträge sorgen.
Ein sprunghafter Anstieg im Wohnbau wird aber nicht erwartet: Vielmehr ist mit geringfügigen Besserungen zu rechnen, bevor die frühere Stärke der Bauwirtschaft wieder erreicht werden kann.
Fazit: Wie kann der Staat die Bauwirtschaft in Österreich unterstützen?
Unternehmen und Hausbauer fordern Unterstützung seitens des Staates, um der Krise in der Bauwirtschaft entgegenzuwirken. Dafür sollen grundsätzlich mehr öffentliche Aufträge vergeben werden, mit denen Unternehmen ihre Auftragsbücher füllen können.
Doch das reicht nicht aus, um sowohl Unternehmen als auch die Privatleute im Haus- und Wohnungsbau zu unterstützen. Deshalb wurde 2025 ein umfassendes Wohn- und Baupaket eingeführt, das mehr Wohnraum schaffen und die Eigentumsquote auf 60 Prozent bis 2030 anheben soll. Der Staat stärkt die Baukonjunktur dadurch mit finanziellen Mitteln in Höhe von 2 Milliarden Euro. Auch die Vergabe von Wohnbaukrediten wurde mit dem Ende der KIM-Verordnung bereits gelockert.
Die Grüne und die ÖVP wollen zudem zusammenarbeiten und Sanierungsvorhaben in Österreich unterstützen, beispielsweise mit dem Handwerkerbonus oder dem Effizienzbonus für energetische Sanierungen. Auf diese Weise besteht die Möglichkeit, neue Aufträge durch energieeffizientes Bauen zu erhalten und die Erreichung der Klimaziele zu fördern.
Abschließender Hinweis
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